“Ich möchte Mädchen und junge Frauen ermutigen, nach den Sternen zu greifen.”

Eine Frau mit Mikro steht hinter einem großen JP-Pult
Dr. Suzanna Randall hat beim Bundesfinale von Jugend präsentiert das Darstellungsvermögen der Finalist*innen bewertet.

Die promovierte Astrophysikerin Dr. Suzanna Randall arbeitet als Forscherin bei der Europäischen Südsternwarte (ESO). Sie ist außerdem Wissenschaftskommunikatorin, moderiert in zahlreichen TV- und YouTube-Formaten sowie in Podcast und Radio und absolvierte ein Astronaut*innen-Training. 2025 war sie Teil der Finaljury beim Bundesfinale von Jugend präsentiert. Im Interview spricht sie darüber, warum sie ein Vorbild für den MINT-Nachwuchs, insbesondere für Mädchen und junge Frauen sein möchte.

Hallo liebe Frau Dr. Randall, schön, dass Sie sich die Zeit nehmen. Als Astronautinnen-Trainee und Astrophysikerin engagieren Sie sich seit vielen Jahren für Mädchen und Frauen in der Wissenschaft. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich so stark für dieses Thema einzusetzen?

Dr. Suzanna Randall: Die Mädchen- und Frauenförderung ist mir schon immer ein Anliegen. Auch aufgrund meiner eigenen Laufbahn: Ich habe mich bereits als Kind für das Universum und seine unendlichen Weiten interessiert. Daher lag der Wunsch nahe, Astronomie zu studieren. Das Narrativ, dass Mädchen Naturwissenschaften angeblich nicht so "liegen” wie Jungs, das gerne mal in der Schule sowie in der Gesellschaft, besonders in den Achtzigern und Neunzigern vermittelt wurde, lehne ich ab. Und auch heutzutage in unserer schon gleichberechtigteren Welt ist es noch so, dass Mädchen und Frauen, aber auch Jungs und Männer bestimmte Rollen auferlegt bekommen. Das führt dazu, dass Mädchen in Kita und Grundschule denken, sie dürfen sich an Fasching nicht als Astronautin verkleiden und Jungs meinen, es ist uncool als Prinzessin zu gehen. Sie sehen, es ist wirklich eine intrinsische Motivation für mich als gestandene Wissenschaftlerin, Mädchen und junge Frauen zu motivieren, über sich hinauszuwachsen und nach den Sternen zu greifen.

Gab es in Ihrer eigenen Laufbahn Momente, in denen Sie sich mehr Ermutigung oder Vorbilder gewünscht hätten – gerade als junge Wissenschaftlerin?

Dr. Suzanna Randall: Zum Glück hatte ich Menschen an meiner Seite, die mich auf meinem Weg bestärkt haben. Tatsächlich war ich bis zur 10. Klasse noch nicht einmal gut in Physik. Aber den Traum eine Karriere in der Astrophysik zu machen, hatte ich trotzdem. Ab der 11. Klasse dann bekam ich einen neuen Physiklehrer. Und siehe da: durch weniger Theorie und mehr Praxisbezug – sprich durch Experimente und Anwendungsbeispiele – habe ich richtig Lust auf den Physikunterricht entwickelt. Eine motivierte Lehrkraft macht bekanntlich viel aus: Durch seine eigene Leidenschaft und den Spaß an seinem Unterricht konnte der Lehrer mich in der Oberstufe doch noch mitreißen. Genau das braucht es: Das Wecken des Interesses und dann die Ermutigung “Du kannst das”. An der Universität war ich allerdings die einzige Frau, die in Montreal in Astrophysik promoviert hat. Ich hatte einen tollen Doktorvater, aber ja – noch mehr weibliche Vorbilder hätte ich mir gewünscht.

Mit unserem Programm Jugend präsentiert Kids setzen wir mit der Präsentationsförderung schon in der Grundschule an. Warum ist es aus Ihrer Sicht besonders wichtig, Mädchen früh für naturwissenschaftliche Themen zu begeistern?

Dr. Suzanna Randall: Künstliche Intelligenz, der Klimawandel, die weitere Erforschung des Universums – all das sind (naturwissenschaftliche) Themen der Zukunft. Und all diese Themen werden die heute aufwachsenden Mädchen in ihrem Aufwachsen und ihrer Zukunft prägen. Ich finde es daher sehr wichtig, ihr Verständnis für Technik und logisches Denken schon früh zu fördern. Deshalb sind Programme wie Jugend präsentiert und Jugend präsentiert Kids so wichtig. Denn sie wecken Interesse an MINT und bauen Berührungsängste hiermit ab. Die Zukunft wird von modernen Technologien bestimmt werden. Und wer hier mitmacht, mitgestaltet und mitbestimmt, wird die Macht haben in der Gesellschaft etwas verändern zu können.


Eine dunkelhaarige Frau in einem Austronautinnen-Anzug lächelt in die Kamera
Von Geschlechterklischees lässt sich Dr. Suzanna Randall nicht verunsichern.

Was können Bildungsorganisationen und Wettbewerbe wie Jugend präsentiert konkret dazu beitragen, Mädchen langfristig in der Wissenschaft zu halten?

Dr. Suzanna Randall: Erst einmal muss wie gesagt das Interesse für ein wissenschaftliches Thema geweckt werden. Als Jurorin im Bundesfinale von Jugend präsentiert konnte ich das mit eigenen Augen sehen. Das Finalthema Universum hat die Teilnehmenden richtig fasziniert. Und das ist das Entscheidende: Wenn sich Schüler*innen auch abseits des Lehrplans mit einem Thema beschäftigen, entsteht Interesse. Bei Jugend präsentiert durften die Kids und Jugendlichen sich eine eigene Fragestellung zum Thema Universum“ überlegen und diese dann kreativ und wissenschaftlich in einer Präsentation beantworten.
Daraus entwickelt sich so einiges. Mehr Selbstvertrauen, rhetorische Skills und eine Schüler*innen-Community, die sich im Verlauf des Wettbewerbs entwickelt. Am Ende stehen dann Ehemaligen-Programme wie bei Jugend präsentiert “Fellows & Friends” im Angebot. Wer nach dem Wettbewerb noch Möglichkeiten hat, mit seinen durch die Bildungsorganisation gewonnen Freund*innen zusammen zu kommen, Themen aus der Wissenschaft weiterhin bei spannenden Exkursionen wie dem Fellows & Friends-Tag zu verfolgen oder seine eigene Forschung im Rahmen von On Stage zu präsentieren, bleibt langfristig dabei.

Sie haben es selbst schon angesprochen: Sie waren Jurorin im Finale von Jugend präsentiert. Wie haben Sie die jungen Teilnehmer*innen erlebt – insbesondere auch die jungen Frauen?

Dr. Suzanna Randall: Die Teilnehmer*innen haben mich wirklich beeindruckt. Die Top-3 war zu hundert Prozent weiblich. Das fand ich schon cool. Aber ich muss sagen: alle im Finale waren stark. Auch die Jüngeren haben sich schon hochkomplexen Themen gewidmet und Themen der Technologie in ihre Präsentationen aufgenommen. Bei Jolina und Olivia Kratz, also dem Team der Zwillinge, hat mich begeistert, wie selbstverständlich sie moderne Dialoge und Mittel genutzt haben. Ihre Präsentation startete mit einem Song und einer Konversation darüber. Und auch die Bundessiegerin Tamina Grunert hat am Anfang Himbeeren gezeigt und das sehr schöne Bild genutzt, dass die Milchstraße nach Himbeeren riecht. Außerdem waren die Präsentationen grafisch gut umgesetzt. Alle Teilnehmenden sind mit dem Medium PowerPoint gut umgegangen und es gab eine natürliche Interaktion mit Folien. So einen Wettbewerb hätte ich damals auch gern an meiner Schule gehabt.

Übrigens ich finde: Man sollte sich ruhig mehrere Jahre bewerben und kann dann stetig seine Präsentations-Skills verbessern.

Sie selbst sind nicht nur Wissenschaftlerin, sondern auch erfolgreiche Wissenschaftskommunikatorin. Wieso ist diese Fähigkeit, sprich komplexe Inhalte verständlich zu machen, aus Ihrer Sicht heutzutage im MINT-Bereich besonders wichtig?

Dr. Suzanna Randall: Auf der einen Seite kann ich Fake News und Verschwörungstheorien von Fakten nur dann unterscheiden, wenn ich wissenschaftliche Prozesse verstehe. Andererseits hat die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen sehr abgenommen. Viele haben nicht die Muße sich mit ausführlichen wissenschaftlichen Papern zu beschäftigen. Dass die Allgemein-Bevölkerung aber ein Verständnis von Wissenschaft haben sollte, hat die Corona-Zeit gezeigt. Es reicht nicht zu sagen, ja, das ist wissenschaftlich bewiesen”. Vielmehr müssen wir Wissenschaftler*innen die entsprechende Referenz, die entsprechende Statistik dazu so aufarbeiten, dass die Gesellschaft uns wirklich versteht. Egal, in welchen Bereich wir schauen, ob Astrophysik oder Gesundheit, letzten Endes geht es sehr viel um die Präsentation der Inhalte. In dem ESO-YouTube-Format „Chasing Starlight” bereite ich die Botschaften aus den Papern verständlich auf, damit die bahnbrechenden Arbeiten unserer Forschungsstation auch gesehen werden. Ich sehe mich da als Übersetzerin.

Welche Vision haben Sie für die Zukunft: Wie sollte Wissenschaft aussehen, damit sich Mädchen und junge Frauen selbstverständlich darin wiederfinden?

Dr. Suzanna Randall: Ich finde, wir sind bereits auf einem guten Weg.

Denn in der Wissenschaft kann man mittlerweile so viele verschiedene Stellen und Rollen besetzen. Das Klischee vom einsamen Wissenschaftler, der allein in seinem Kämmerlein sitzt, löst sich immer mehr auf. Klar, es gibt ihn noch, aber auch die Technikerin oder die Wissenschaftskommunikatorin. Und in einer dieser bunten Rollen können sich Frauen in der Wissenschaft wiederfinden. Diese wiederum leben es dann vor und empowern auf diese Weise andere Mädchen und Frauen. Zudem finde ich es wichtig, dass wissenschaftliche Organisationen und Unternehmen Chancen aufzeigen, sich am „Girls´ Day“ beteiligen und andere Angebote für junge Frauen schaffen.

Zur Person:

Die Astrophysikerin und Astronauten-Anwärterin Dr. Suzanna Randall arbeitet als Wissenschaftlerin bei der Europäischen Südsternwarte (ESO). Im Rahmen ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit pulsierenden blauen Unterzwergsternen. Neben der Forschung engagiert sich Dr. Suzanna Randall aktiv in der Wissenschaftskommunikation. Sie moderiert seit 2023 das YouTube-Format „Chasing Starlight" der ESO sowie auf dem ZDF-YouTube-Kanal „Terra X Lesch&Co”. Mit der Wissenschaftskommunikation möchte die Astrophysikerin Bildung und Empowerment im MINT-Bereich voranbringen. Insbesondere liegt ihr auch die Förderung von Mädchen und jungen Frauen am Herzen. Ihre Lieblingsthemen sind Raumfahrt, Astronomie und Nachhaltigkeit.