Präsentieren als Abiturfach: Chancen und Herausforderungen der Präsentationsprüfung in NRW
Mit der Oberstufenreform in Nordrhein-Westfalen wird ab dem Abiturjahrgang 2030 eine Präsentationsprüfung als fünftes Prüfungsfach eingeführt. Sie besteht aus zwei Teilen: einer Präsentation und einem anschließenden Fachgespräch. Wir haben mit Wolfgang Kehren über die Eckpunkte der neuen Prüfungsform gesprochen und darüber, wie Jugend präsentiert Lehrkräfte dabei unterstützen kann, sich selbst und ihre Schüler*innen bestmöglich auf die Prüfung vorzubereiten. Wolfgang Kehren unterrichtet Biologie, Chemie, Musik und evangelische Religion am Helmholtz-Gymnasium in Bonn und engagiert sich seit vielen Jahren im Jugend präsentiert-Netzwerk. Maßgeblich hat er dazu beigetragen, dass seine Schule 2025 als Jugend präsentiert-Schule ausgezeichnet wurde. Am Helmholtz-Gymnasium werden Präsentationsleistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern bereits in der siebten und neunten Klasse bewertet. In den Differenzierungskursen der Jahrgangsstufe 9/10 können Präsentationsleistungen sogar eine Klausur ersetzen.
Hallo Wolfgang! Was hältst du von der Einführung der Präsentationsprüfung als fünftes Abiturfach in NRW? Ist das ein sinnvoller Schritt oder bedeutet es vor allem mehr Arbeit für Lehrkräfte?
Wolfgang Kehren: „Dass die Einführung ein richtiger Schritt ist, ist, glaube ich, unbestritten. Wir müssen uns von klassischen Prüfungsformaten lösen und zeitgemäßere Wege gehen. Die Präsentationsprüfung ist dafür ein erster Schritt. Wenn sich Schüler*innen über einen längeren Zeitraum mit einem Thema beschäftigen, das erworbene Wissen wirklich verinnerlichen und dann präsentieren, ist das etwas anderes, als sich kurzfristig beispielsweise etwas KI-Generiertes für eine mündliche Prüfung anzueignen.
Für Lehrkräfte bedeutet die neue Prüfungsform natürlich auch zusätzliche Arbeit. Ein ganzer Block an Abiturprüfungen kommt hinzu, ohne dass wir dafür zusätzliche Stunden bekommen. Außerdem fühlen sich sicherlich viele Kolleg*innen dafür zunächst nicht ausreichend ausgebildet. Da kommt dann Jugend präsentiert ins Spiel.“
Wie läuft die Präsentationsprüfung in Nordrhein-Westfalen ab und was wird von den Schüler*innen erwartet?
Wolfgang Kehren: „Die Präsentationsprüfung wird 2030 erstmals durchgeführt. Das bedeutet, dass die Schüler*innen, die 2028 in die Qualifikationsphase eintreten, als Erstes von der neuen Prüfungsordnung betroffen sein werden.
Die Prüfung orientiert sich zeitlich an der mündlichen Prüfung im vierten Abiturfach. Für die Präsentation sind etwa zehn Minuten vorgesehen; sie darf auch etwas länger, aber nicht kürzer sein. Präsentiert werden kann auch im Zweierteam. In diesem Fall verlängert sich die Prüfungszeit.
Für die Vorbereitung im Prüfungsraum haben die Schüler*innen vorab 20 Minuten zur Verfügung. Die gesamte Prüfung dauert dann 30 Minuten. Auf die zehnminütige Präsentation im ersten Prüfungsteil folgt dann ein zehn- bis maximal 20-minütiges Fachgespräch. Dabei unterscheidet sich das Fachgespräch von der bisherigen mündlichen Prüfung im vierten Abiturfach, bei dem nach den Prüfungsaufgaben Wissen aus weiteren Themenbereichen abgefragt wird. Die Schüler*innen sollen im Fachgespräch stattdessen reflektieren, warum sie ihr Thema gewählt haben und wie sie bei der Vorbereitung ihrer Präsentation vorgegangen sind.
Diese Reflexionskomponente müssen wir im Vorfeld im Unterricht trainieren, weil das bisher in dieser Weise noch nicht im Lehrplan vorkommt. Das ist sowohl für die Schüler*innen, als auch für uns als Prüfer*innen eine Neuerung.“
Nach welchen Kriterien werden die Präsentationen bewertet? Welche Parallelen siehst du zu den Modulen von Jugend präsentiert?
Wolfgang Kehren: „Im ersten Prüfungsteil werden die Gestaltung der Präsentation – auch im Sinne der Argumentationsstruktur, die Performanz und die Kontextualisierung bewertet. Im Fachgespräch steht die Reflexion im Mittelpunkt. Dabei geht es unter anderem darum, ob die Präsentation fachlich kompetent und plausibel ist und ob die Schüler*innen eigenständig, kreativ und abstrahierend arbeiten und ihre Überlegungen weiterführen können.

Die fünf Module von Jugend präsentiert finden sich im Grunde auch in den Vorgaben zur Präsentationsprüfung wieder. Die Materialien bereiten also sehr gezielt auf die neue Prüfungsform vor und gehen teilweise sogar darüber hinaus. Denn bei Jugend präsentiert werden noch zusätzliche Kompetenzen vermittelt. Der Medieneinsatz spielt beispielsweise in den genannten Bewertungskriterien für den ersten Prüfungsteil nur eine indirekte Rolle. Ich bin gespannt, ob hier noch nachgeschärft wird. Eine Präsentation zu bewerten, ohne explizit den Einsatz der Medien zu berücksichtigen, halte ich nicht für ganz zeitgemäß.
Die Jugend präsentiert-Trainings behandeln ebenso die Themenfindung: Wie formuliere ich eine geeignete Fragestellung für meine Präsentation? Und wie kann KI mich dabei unterstützen? Meinen Schüler*innen empfehle ich dazu gerne das Erklärvideo Themenfindung – Wie finde ich mein Präsentationsthema? auf dem Jugend präsentiert-YouTube-Kanal.
Dieser Aspekt spielt in den Unterlagen, die bisher vorliegen, allerdings keine erkennbare Rolle. Dabei wäre es durchaus eine relevante Leistung, aus der eher sperrigen "Passepartoutaufgabe" der Richtlinien [Anm. d. Red.: standardisierte, fächerübergreifend einheitliche Rahmenaufgabe für das fünfte Präsentationsfach in NRW] ein griffiges Präsentationsthema zu entwickeln. Als Jugend präsentiert-Multiplikator würde ich mir wünschen, dass die Präsentationsprüfung in Zukunft an dieser Stelle weiterentwickelt wird.“
Du hast bereits die Erklärvideos auf dem Jugend präsentiert-YouTube-Kanal erwähnt. Wie kann Jugend präsentiert Lehrkräfte darüber hinaus dabei unterstützen, ihre Klassen auf die Präsentationsprüfung vorzubereiten?
Wolfgang Kehren: „Die Trainings für Lehrkräfte von Jugend präsentiert sind dafür ein guter Ausgangspunkt. An unserer Schule haben wir drei ausgebildete Multiplikator*innen. Auch die Erfolge im Wettbewerb haben für große Resonanz im Kollegium gesorgt, sodass aktuell fünf weitere Kolleg*innen das Multiplikator*innentraining I absolvieren.
Mittlerweile bieten wir unseren Kolleg*innen kurze Einführungen in die Module und Methoden von Jugend präsentiert an. Gerade für neue Kolleg*innen organisieren wir an der Schule quasi eine kleine SchiLf [Anm. d. R.: schulinterne Lehrkräftefortbildung]. Außerdem verweise ich meine Kolleg*innen gerne auf die Materialsuche auf der Jugend präsentiert-Website, die wirklich richtig gut funktioniert: Über die verschiedenen Filter lassen sich passende Übungen und Materialien für den eigenen Unterricht finden.
Wir haben darüber hinaus einen ganzen Schrank mit Schüler*innenmaterialien von Jugend präsentiert, aus dem sich die Lehrkräfte bedienen können. Was benötigt wird, bestellen wir bei Bedarf nach. Das Jugend präsentiert-Kompaktheft haben inzwischen ebenfalls fast alle Lehrkräfte, die Jugend präsentiert in ihren Gruppen durchführen. Das ist auch nach wie vor eine gute Hilfe, um sich etwas zu orientieren, wie man an die Themen rangehen kann. Und für die Schüler*innen sind eben diese ganzen Videos auf dem YouTube-Kanal schon extrem hilfreich.“

An deiner Schule ist Jugend präsentiert bereits fest etabliert. Was würdest du anderen Schulen in NRW empfehlen, an denen die Angebote noch weniger bekannt sind?
Wolfgang Kehren: „Ich denke, besonders wichtig ist, möglichst früh anzufangen und das Thema anschließend konsequent weiterzuverfolgen. Präsentieren sollte also nicht erst in der Qualifikationsphase 2 [Anm. d. R.: letztes Schuljahr vor der Abiturprüfung], quasi als i-Tüpfelchen kurz vor dem Abitur eine Rolle spielen.
Wir beginnen bereits in der fünften und sechsten Klasse mit einer Präsentationsolympiade. Anschließend versuchen wir, in der Sekundarstufe I mindestens alle zwei Jahre eine Präsentationsleistung in einer Jahrgangsstufe zu verankern. So sammeln die Schüler*innen früh Erfahrungen und entwickeln eine gewisse Routine. Wenn sie regelmäßig Präsentationen nach klaren Kriterien halten, bringen sie bereits viele Vorkenntnisse mit in die Oberstufe.
Mir ist wichtig, den Kolleg*innen klarzumachen, dass sie durch die Integration von Jugend präsentiert in den Unterricht keinen Mehraufwand haben, sondern dass ihnen im Grunde Arbeit abgenommen wird. Wenn ich die Materialien und Methoden in meinen Unterricht integriere, besteht der zusätzliche Aufwand im Wesentlichen darin, den Schüler*innen systematisch Feedback zu geben.
Gerade am Anfang kann es hilfreich sein, bei Kolleg*innen zu hospitieren, die bereits Erfahrung mit Jugend präsentiert haben. So bekommen sie einen Eindruck, wie die Bewertung und das Feedbackgeben funktionieren. Ansonsten wird mir wirklich Arbeit erspart, weil ich diesen ganzen Rahmen aus Materialien vorgegeben habe.“
Vielen Dank für das Gespräch!